Die besten Sorten und einfachsten Methoden für Garten und Balkon

„Im Garten beginnt der Winter mitten im Sommer“, so Wolfgang Palme, Gemüseexperte aus Österreich, der seit etwa 15 Jahren den winterlichen Gemüseanbau erforscht. Mit Begeisterung vermittelt der Autor bereits in seinem ersten, beim Löwenzahn Verlag erschienenen Buch, seine Mission: im Winter Frisches ernten und genießen! Dabei räumt er auf mit dem verbreiteten Vorurteil, der Winter sei im Gemüseanbau die verlorene Jahreszeit. Hintergrund seines Anliegens ist der ökologische Fussabdruck unserer Nahrungsmittelindustrie. Er sensibilisiert für das Thema winterlichen Gemüseangebots im Handel und führt anhand bemerkenswerter Zahlen vor, wie energieintensiv unsere pflanzliche Versorgung im Winter, durch den Anbau in beheizten Gewächshäusern, ist. (Beispiel: Zur Beheizung von 1qm in einem Intensivgewächshaus, werden pro Jahr 34m³ Erdgas und 40l Erdöl verbraucht!) Die enkeltaugliche Variante liegt abseits vom Markt in der saisonalen Selbstversorgung. Vorfreude und Genuss im Jahresrhythmus, so beschreibt es Wolfgang Palme, schließlich hat der Autor mit seinen Kollegen von der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau Schönbrunn, mit bereits über 120 verschiedenen Gemüsearten und -sorten gearbeitet, die allesamt im Winter erntefertig waren.

Damit der Winteranbau gelingen kann, führt Wolfgang Palme zunächst ein wenig in die Pflanzenphysiologie und Meteorologie ein, um relevante Aspekte für das Überleben und Gedeihen der Pflanzen im Winter zu veranschaulichen. Nicht die Temperatur allein ist die Herausforderung in der kalten Jahreszeit, sondern insbesondere Feuchtigkeit und Licht benötigen mehr Aufmerksamkeit und Kontrolle im Winter. Zudem ist die Sortenwahl relevant für den Anbauerfolg, sowie das Stadium der Entwicklung der Pflanzen (Stichwort: richtiger Aussaattermin). Nach seiner Erfahrung gibt es nicht nur wenige Angaben zur Frosthärte der Pflanzen in der Literatur, sondern oftmals werden die Gemüsearten in ihrer Fähigkeit, Frostperioden zu überstehen, völlig unterschätzt.

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, das unmittelbare Umfeld der Pflanzen zu gestalten und somit positiven Einfluss auf das Kleinklima zu nehmen, welches für eine gesunde Entwicklung relevant ist. Dazu gehören wärmespeichernde, niedrige Steinmauern ebenso wie sinnig angepflanzte Windschutzhecken. „Größtmöglicher Frost- und Windschutz bei optimaler Lichtexposition und guter Belüftung“ bestimmt die Standortwahl der Pflanzen für den Winter. Ein ganzes Kapitel widmet der Autor alten Methoden, die in der Geschichte der Gartenbautraditionen im Umgang mit Wintergemüseanbau von Bedeutung waren und heute – zum Teil – immer noch sind. Es werden Treiblöcher, Glasglocken, Frühbeetanlagen, Erdkästen und Mistbeetkästen mit ihren Vorzügen und Nachteilen vorgestellt. Auch Beispiele an Lagerungsmöglichkeiten, wie etwa Pflugfurchen oder Erdmieten, werden hier beschrieben.

Der Kern der Arbeit sind jedoch die Steckbriefe der besten erprobten wintertauglichen Gemüsearten und -sorten. Auf über 250 Seiten porträtiert Wolfgang Palme Salate, Kräuter, Wurzeln und Knollen in einer Vielfalt, die mit dem Stereotyp des kargen Winters aufräumt. In zehn, vom Autor festgelegten Kategorien, werden Endivien und Zichorien, Gartensalate, Salatkräuter und Spezialsalate (eine große Auswahl an Asia-Salaten, Senf, Ampfer), Gewürzkräuter, Spinate, Zwiebel- und Lauchgemüse unter anderen sehr anschaulich vorgestellt, praxisbezogene Tipps für den Anbau gegeben, gelegentlich kulturgeschichtliches Hintergrundwissen oder sogar eine Zubereitungsidee vermittelt. Gerade unter den Kohlgemüsen gibt es einige interessante Arten zu entdecken (wie Butterkohl, Ewiger Kohl, Sprossenbrokkoli, Senfkohl) wie auch unter den Wurzel- und Knollengemüsesorten (etwa Speisrüben, Kohlrüben, Topinambur, Erdmandel, Knollenziest, Zuckerwurzel). Vergleichsweise mager fällt daneben die Kategorie Wildgemüse aus, die mit Vogelmiere, Bärlauch, Löwenzahn und Pimpinelle etwas knapp gehalten wurde. Doch vermutlich würde eine angemessene Auseinandersetzung mit diesem Bereich den Rahmen des Buches sprengen.

Ausführliche Tabellen finden sich im Buch zur Orientierung für den günstigsten Aussaatzeitpunkt der im Buch vorgestellten Gemüsearten. Zudem gibt es einen herausnehmbaren praktischen Anbauplan mit tabellarischer Übersicht zu Aussaat, Pflanzung, Ernte und Lagerung für den Wintergemüseanbau. Wolfgang Palme stellt verbreitete Pilzkrankheiten, die im Winter besonders relevant sein können, sowie Gegenmaßnahmen vor. Außerdem wird in einem extra Kapitel auf die Eignung aller porträtierten Pflanzen für den Winteranbau in Kistchen und Töpfen auf Terrasse, Balkon und Fensterbrett eingegangen. Abschließend widmet der Autor das letzte Kapitel des Buches den „Pionieren im Verborgenen“. Dort stellt er einige findige Selbstversorgerinnen und Gemüsegärtner vor, die mit kreativen Ideen praxistaugliche Lösungen gefunden haben, um ganzjährig Frischgemüse ernten zu können.

Das umfangreiche Werk (382 Seiten) ist inspirierend und praxisnah, in einem angenehm lockeren und doch stets sachlichen Stil geschrieben, was den Autor schnell sympathisch werden lässt. Möge es dazu beitragen, dass die Wintergemüsebewegung und die Zahl der „‘Widerstandsnester‘ gegen eine ressourcenfressende, agroindustrielle Massenproduktions- und Vermarktungsmaschinerie“ – wie er die Orte gelebter saisonaler Winterselbstversorgung nennt – weiter wächst.

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